Leseprobe FOUL

von Vera A. Schnell

– Der zweite Angela Humbert-Krimi

Samstag, 31. August

Angela wurde von ungewohnten Stimmen wach, noch bevor ihr Reisewecker schrillte. Verwundert schaute sie auf die Uhr: 4.30 Uhr! Dem Stimmengewirr nach reiste eine größere Gruppe schon vor ihrer ab und benahm sich auf dem Hotelflur höchst rücksichtslos. Eigentlich hätte sie noch eine Stunde lang weiterschlafen können, denn ihr Bus sollte erst um 7.00 Uhr in Richtung Dover abfahren, nachdem die Bergstadter Reisenden ein kleines Frühstück zu sich genommen hatten. Die Stimmen auf dem Flur wurden sogar noch lauter, Angela gähnte und reckte sich, schlüpfte in ihre Pantoletten und zog die Tür vorsichtig einen Spalt weit auf.

Mehrere Hotelangestellte standen wie ein Häuflein Elend um die Managerin versammelt. Ein Mann in weißem Schutzanzug und Handschuhen ging an ihrer Zimmertür vorbei zum anderen Ende des Ganges, die Managerin schloss sich ihm nervös an. „Ah, Dr. Curvis, hierher bitte", hörte Angela eine sonore Stimme und spähte in die Richtung. Mehrere uniformierte englische Polizeibeamte und zwei weitere Männer in Zivilkleidung standen vor der letzten Tür auf ihrem Flur.

Rasch zog Angela sich vollständig an und verließ ihr Zimmer: „Was ist passiert?", wandte sie sich an eine Hotelangestellte. Blass und mit bebender Stimme erläuterte die ihr, dass jemand gestorben sei und dass sich Arzt und Polizei darum kümmerten. „Bitte begeben Sie sich alle wieder in Ihre Zimmer", bat nun die Hotelmanagerin, die zurückgekehrt war, denn inzwischen hatten sich mehrere andere Hotelgäste neugierig auf dem Flur versammelt. „Haben Sie Verständnis dafür, dass wir einem Gast in einer Notsituation beistehen müssen. In einer halben Stunde servieren wir Ihnen das Frühstück im Restaurant, nehmen Sie Ihre Koffer bitte schon jetzt gleich mit hinunter und deponieren sie im Gepäckraum, den wir abschließen werden."

Nach und nach versammelten sich etliche aufgeregte Hotelgäste im Restaurant, die meisten konnten sich keinen Reim darauf machen, was passiert war. Angela entdeckte Rudolf Blome in einer kleinen Gruppe und stellte sich dazu. „Ein Toter? Gibt es hier eine ansteckende Krankheit?", rief eine Frau aufgeregt, „Wieso sollen wir

hier warten und fahren nicht sofort ab?" „Was machen die vielen Polizisten im Haus, was hat das zu bedeuten?", fragte jemand anderes.

Angela stubste Rudolf Blome an: „Weißt du etwas?, wisperte sie, „bei mir auf dem Flur waren mehrere Polizisten und ein Arzt in weißem Schutzanzug". Blome zog sie zur Seite: „Es scheint tatsächlich einen Toten im Haus zu geben", flüsterte er, „vielleicht soll der Arzt lediglich den Totenschein ausstellen. Die Tatsache, dass er einen Schutzanzug trägt, lässt mich allerdings vermuten, dass wir es mit einem ernsten Fall zu tun haben. Bleib in meiner Nähe und halte dich auf jeden Fall an die Anweisungen des Hotelpersonals, damit wir hier niemanden behindern."

Gleich darauf erschien die Hotelmanagerin und bat die Gäste, sich zu setzen: „Ich muss Ihnen eine betrübliche Mitteilung machen", begann sie, „in unserem Haus ist heute Nacht leider ein Gast verstorben. Ich kann Ihnen nichts über die Todesursache sagen, nur so viel, dass es sich nicht um eine ansteckende Krankheit handelt. Sie brauchen sich also deswegen keine Sorgen zu machen." Sie kämpfte mit dem Gleichgewicht und hielt sich an einer Stuhllehne fest: „In Fällen wie diesem, wo wir über die Todesursache nichts wissen, müssen immer Arzt und Polizei hinzugezogen werden", fuhr sie fort, „die Polizeibeamten werden Sie gleich einzeln hinausbitten und Sie zu dem befragen, was Sie eventuell gehört oder gesehen haben, damit wir den Fall rasch abschließen können. Bitte bleiben Sie so lange hier im Raum, wir werden Ihnen jetzt das Frühstück servieren."

Auf ein Handzeichen traten nun die Kellnerinnen und Kellner an die Tische und begannen, Tee und Kaffee einzuschenken, einige weitere verteilten auf Tabletts vorbereitete Frühstücksportionen an die Gäste. Kaum jemand war hungrig, die frühe Zeit, Ungewissheit und Aufregung waren den meisten auf den Magen geschlagen. Angela entdeckte das Männer-Quartett aus dem Bus, das ungewohnt schweigsam an einem der Tische zusammensaß. Dahinter betraten Magdalene, Betty und Sebastian den Raum. Angela winkte ihnen zu und lud sie an ihren Tisch ein.

Die praktische Betty begann, Brötchen zu belegen und packte sie in eine mitgebrachte Folie: „Für unterwegs, jetzt bringe ich nichts herunter", meinte sie, „ein starker Tee reicht mir im Moment, wach bin ich am Abreisetag sowieso immer schon viel zu früh."